Kapitel 5: Jagd auf das Phantom

 

 

Während die Kommissare Schubert und Schuber versuchten sich in das Phantom hineinzuversetzen, frühstückte eben dieser Schurke gerade mit seiner Schwester und ihrer Freundin und Lieblingskundin in der Laube im Schrebergarten. "Reichst du mir mal die Butter?", fragte Anja ihre Freundin, während ihr Bruder über seinen nächsten großen Coup nachdachte.

Melissa reichte ihrer Freundin die Butter und Anja schmierte sich ein weiteres Brot. Währenddessen dachte Heinrich Weißer immer noch darüber nach, wie er seine Karriere als Meisterdieb krönen sollte. "Also: Es muss etwas großes sein. Etwas spektakuläres. Etwas einzigartiges. Etwas gigantisches. Etwas, was all meine früheren Verbrechen in den Schatten stellt. Ein Verbrechen, dass die ganze Welt niemals vergisst. Mit Melissa‘s Hilfe habe ich mein 999stes Verbrechen begangen. Nummer 1.000 muss etwas ganz besonderes sein. Etwas wirklich gigantisches. Ja. Das ist es. Die meisten meiner Verbrechen haben etwas mit Juwelen zu tun. Ich habe bei meinen Coups fast immer irgend etwas wertvolles gestohlen und meistens waren es Juwelen. Also muss ich bei der Krönung meiner Laufbahn ein wundervolles und einzigartiges Juwel stehlen, ohne mich dabei erwischen zu lassen. Und ich denke, ich habe da schon ein ganz bestimmtes Juwel im Auge...", dachte das gerissene Phantom mit den 1.000 Gesichtern, bevor es sich von seiner kleinen Schwester die Marmelade reichen ließ.

Er wußte nun genau was er stehlen würde, wohingegen sein zukünftiger Komplize davon noch keine Ahnung hatte. Aber er würde ihn so bald wie möglich benachrichtigen, sowie er es schon vor vielen anderen mehr oder weniger spektakulären Verbrechen getan hatte. Doch ersteinmal würde er mit seiner kleinen Schwester Anja und ihrer Freundin Melissa Klein in Ruhe frühstücken. Und er würde dieses leckere und vielseitige Frühstück sehr genießen, da er es mit zwei wunderbaren Menschen zu sich nahm, die ihm wirklich etwas bedeuteten. Die Rede ist natürlich von seiner kleinen Schwester Anja und ihrer allerbesten Freundin und Lieblingskundin Melissa.

 

 

Einige Stunden später saß Anja in ihrer Fälscherwerkstatt und arbeitete an einer neuen Identität für ihre alte Freundin. Natürlich konnte Melissa sie dafür nicht bezahlen, aber das war Anja egal. Zur Not ließ sie schließlich auch anschreiben. Und während sie an Melissa‘s neuer Identität arbeitete, arbeiteten ihr Bruder Heinrich Weißer und sein langjähriger Komplize Oliver Karpfen an ihrem großen Coup. Dieser Coup würde die Krönung von Heinrichs Laufbahn als Verbrecher werden und er war sehr stolz darauf. Aber es durfte natürlich nichts schiefgehen, weshalb alles bis ins kleinste Detail durchdacht werden musste. Und während Melissa Klein in der Laube im Schrebergarten herumsaß und mit Hilfe des Fernsehers vergnügt beobachtete, wie die Polizei vergeblich nach ihr und dem Phantom suchte, plante eben dieses Phantom zusammen mit seinem Komplizen namens Oliver seinen größten Coup. Dieser Coup sollte natürlich in unserer geliebten Landeshauptstadt Berlin stattfinden, in der das Phantom mit den 1.000 Gesichtern zu Hause war. Und es sollte ein Verbrechen sein, dass in die Annalen der Kriminalgeschichte eingehen würde. Heinrich hatte vor einigen Stunden darüber nachgedacht, dass er ein ganz bestimmtes Juwel stehlen wollte. Bei diesem bestimmten Juwel handelte es sich weniger um ein Juwel, als um eine mit Juwelen besetzte Waffe. Diese Waffe war eine 70 cm lange Axt aus Eisen, die der erste Besitzer mit vielen kleinen Diamanten hatte besetzen lassen. Der materielle Wert der Waffe betrug etwa 100.000 Euro, was nicht gerade viel war. Aber der geschichtliche Wert dieser Axt war selbstverständlich viel größer als der materielle Wert; sowie das bei solchen Objekten aus der guten alten Zeit eben meistens ist. Und dessen war sich das legendäre Phantom Eintausend natürlich auch durchaus bewußt. Denn schließlich kannte er die lückenhafte Geschichte dieser faszinierenden Waffe und ihres ersten Besitzers ziemlich gut:

 

Im Jahre 870 war das aus den Trümmern des weströmischen Reiches hervorgegangene Frankenreich in drei Teile zerteilt worden. Das ostfränkische Reich gehörte nun nach dem Vertrag von Meerssen Ludwig dem Deutschen, das westfränkische Reich gehörte Karl II und das Königreich Italien gehörte Ludwig II. In den darauffolgenden 30 Jahren hatte das ostfränkische Reich einige Male ernsthafte Schwierigkeiten mit seinen slawischen Nachbarn. Und genau in dieser Zeit tat sich ein mutiger Edelmann hervor, der reich genug war um seine Axt mit vielen kleinen Diamanten zu verzieren. Über diesen mutigen Edelmann ist leider nicht sehr viel bekannt; aber man weiß das er nach einer heldenhaften Schlacht vom König geadelt wurde. Sein Adelstitel lautete: August von Magdeburg. Benannt nach der Stadt, die er gegen die slawischen Stämme erfolgreich verteidigt hatte. Die Geschichtsschreiber rätseln noch immer, wann diese heldenhafte Schlacht nun eigentlich stattgefunden hat. Manche sagen im Jahre 881. Andere behaupten im Jahre 883. Wieder andere gehen davon aus, dass sie zwischen 890 und 900 stattfand. Einige behaupten sogar, dass sie nie stattgefunden hätte und bestreiten die Existenz von August von Magdeburg. Außerdem behaupten sie natürlich, seine Axt sei eine Fälschung. Aber Tatsache ist nun einmal: Diese Schlacht fand statt. Und August von Magdeburg gewann sie. Zwar sind sich die Geschichtsschreiber über das genaue Datum der Schlacht uneinig, aber sie wissen das August mit nur etwa 100 Mann gegen ein zehnmal stärkeres Slawenheer antrat. Das ganze lief ungefähr so ab: Das etwa 1.000 Mann starke Slawenheer marschierte auf die Stadt Magdeburg zu, um zu plündern, zu morden und zu brandschatzen. August und der Anführer der in Magdeburg stationierten Soldaten (die beiden waren gute Freunde) hatten schon Tage zuvor von einem Spion erfahren, dass die Slawen einen Angriff planten und sich natürlich entsprechend darauf vorbereitet. August hatte seine Diener und Leibwachen bewaffnet und sich zusätzlich noch etwa 90 mutige und starke Magdeburger Männer gesucht, die dann auch mit ihm kämpften. Die Slawen marschierten von Norden her direkt auf Magdeburg zu, doch die Verteidigungsanlagen der Stadt würden sich dank der kampferprobten ostfränkischen Soldaten eine Weile halten lassen. Der Feind war schlauer als erwartet; schließlich wußte er das ein Angriff von Norden besser war, als ein Angriff von Osten, da der östliche Teil der Stadt wesentlich besser zu verteidigen war. Also hatten die Slawen einen Umweg genommen, der sie zwar Zeit gekostet, aber in eine bessere Angriffsposition versetzt hatte. Dank des Spions wußten August und sein Offiziersfreund aber davon und konnten so entsprechend agieren. Kurze Zeit bevor die Slawen die Stadt von Norden aus angriffen, marschierten August und seine Leute durch den Südausgang der Stadt und verschwanden in den Wäldern. Sie schlichen durch die Wälder und standen nach einiger Zeit direkt hinter den Slawen, als diese gerade dabei waren den Nordeingang der Stadt anzugreifen, den die ostfränkischen Soldaten tapfer verteidigten. Die 1.000 slawischen Kriegen (inzwischen waren es eigentlich keine 1.000 mehr) versuchten so intensiv die Stadt einzunehmen, dass sie den Angriff der 100 Magdeburger von hinten anfangs gar nicht bemerkten. Der Lärm der Schlacht war so extrem, dass die 100 Magdeburger den Überraschungseffekt vollkommen ausnutzen konnten. Als die Slawen schließlich merkten, dass sie von hinten abgeschlachtet wurden, war es schon längst zu spät. Sie standen im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken zur Wand und hatten keine Möglichkeit ihren Feinden zu entkommen. Doch das hielt sie nicht davon ab, bis zum letzten Mann zu kämpfen. August von Magdeburg und seine tapferen Anhänger metzelten sie innerhalb weniger Minuten erbarmungslos nieder. Und ihr werdet es erraten; dazu benutzte er natürlich seine mit Diamanten besetzte Axt.

 

Ja so ist das damals wohl ungefähr gewesen. Und nach dem Tode von August von Magdeburg erhielt einer seiner Söhne die legendäre Axt. Über den Sohn ist leider nicht besonders viel bekannt. Bekannt ist lediglich, dass es wiederum sein Sohn (also Augusts Enkelsohn) war, der die legendäre Axt an einen fahrenden Händler verkaufte, weil er das Geld brauchte. In den darauffolgenden Jahrhunderten tauchte die mit Diamanten besetzte Axt immer wieder aus der Versenkung auf. Mal kämpften und siegten mächtige Fürsten, mal große Könige mit der Axt von August von Magdeburg. Während der Kreuzzüge führte ein christlicher Herrscher sein Heer durch das heilige Land und die einzige Waffe die er bei sich hatte, war eben diese mit Diamanten besetzte Axt, die er später daheim von einem Bischof segnen ließ. Zur Zeit des siebenjährigen Krieges tauchte die Axt wieder in Magdeburg auf, landete aber kurze Zeit später in Potsdam. Einige Jahrzehnte später tauchte die Axt in Rom auf, nachdem sie in Potsdam auf unerklärliche Weise verschwunden war. Eine römische Kaufmannsfamilie behielt die Axt bis zur Machtübernahme Mussolinis, der sie für seine private Schatzkammer haben wollte. Ein paar Tage vor der Niederlage bei Stalingrad schenkte er sie jedoch seinem besten Freund: Adolf Hitler. Danach ging es für den hirnlosen Führer des Dritten Reiches und seine Handlanger nur noch bergab. Nach Hitlers Selbstmord (das beste, was er Zeit seines Lebens gemacht hat) fiel die Axt in die Hände der roten Armee. Ein paar Tage vor Stalins Tod bekam der ach so große Genosse von einem seiner treuesten KGB Agenten eben diese Axt geschenkt. 1989 beschlossen die Russen die Axt ihren Verbündeten in der DDR zu schenken, woraufhin ein paar Wochen später die Mauer fiel. Die Axt landete in einem Berliner Museum und wurde eingehend untersucht, woraufhin all diese Einzelheiten ans Tageslicht gebracht worden. 2009 besuchte Kanzlerin Angela Merkel heimlich das Museum, in dem die Axt heute noch ausgestellt wird. Als sie das Museum unauffällig verlassen wollte, stellte ihr ein kleiner frecher Junge ein Bein und sie fiel hin. Der Junge zeigte mit dem Finger auf sie und lachte (sowie er es auch bei Melissa Klein und vielen anderen Menschen gemacht hatte). Die Kanzlerin geigte ihm daraufhin ordentlich die Meinung, was ihn aber gar nicht beeindruckte. Doch einen Reporter, der zufällig in der Nähe stand, beeindruckte sie mit ihrer Standpauke sehr. Er fotografierte sie mehrmals und dachte dabei: "Dadurch werde ich bestimmt berühmt. Kanzlerin Angela Merkel streitet sich mit einem kleinen Jungen, der ihr völlig grundlos ein Bein gestellt hat. Für dieses Bild kriege ich bestimmt eine fette Gehaltserhöhung. Möglicherweise bekomme ich sogar eine Auszeichnung und werde dadurch eine lebende Legende in meinem Geschäft. Das wäre wirklich schön. Vielleicht landet eins von meinen Fotos sogar irgendwann mal bei Galileo Big Pictures und ich ernte noch mehr Ruhm und Ehre."

Aber da ihm sein Herausgeber nicht glaubte, konnte er nichts weiter tun als seine Fotos und seinen Artikel ins Internet zu stellen. Der Grund für die Ungläubigkeit war, dass die Kanzlerin an diesem Tag offiziell an einer Konferenz teilnahm. Die Sache mit Merkel war offiziell nur ein Internetgerücht, aber Heinrich Weißer wußte trotzdem davon. Und er wußte auch, dass man die Axt in Fachkreisen die Phantomaxt nannte, weil über sie so wenig bekannt war. Sie war auch nicht besonders gut bewacht, weshalb es für Heinrich Weißer und seinen Komplizen Oliver Karpfen ein leichtes sein sollte sie zu stehlen. Aber trotzdem würde dieser Coup etwas ganz besonderes werden. "Die Phantomaxt ist das perfekte Ziel für mich. Dieser Diebstahl wird das Verbrechen des Jahrhunderts werden.", meinte das Phantom gegenüber seinem Komplizen.

"Abwarten. Das Jahrhundert ist schließlich noch jung... Und es wird bestimmt noch sehr viele große Coups geben, die von ebenso genialen Verbrechern wie meinem Freund Heinrich Weißer durchgezogen werden. Aber spektakulär wird dieser Diebstahl auf jeden Fall werden. Und wir werden damit in die Geschichte eingehen. Und das ist für das Phantom die Hauptsache.", dachte Oliver, bevor die beiden Verbrecher nochmal ihren Plan durchgingen.

 

 

Am Samstagmorgen besuchte Anja Weißer ihre Freundin Melissa in ihrem geheimen Versteck. "Schrebergärten sind doch was schönes, oder?", fragte Anja ihre Freundin zur Begrüßung, die gerade dabei war sich ihre hellbraune Perücke aufzusetzen.

"Ja. Hast du mir was schönes mitgebracht?"

"Hab ich. Hier ist dein neues Leben.", sagte Anja, während sie ihrer Freundin einen Beutet reichte, auf dem eine Schildkröte einen Frosch küsste.

Melissa legte den Beutel auf den Tisch und sah sich alles an. Vor ihr lagen jede Menge gefälschte Dokumente. "Wieviel kostet das alles?", fragte Melissa.

"1.100 Euro.", antwortete Anja gelassen.

"Schön das du mir Rabatt gibst.", stellte Melissa erfreut fest.

"Ich gebe dir keinen Rabatt. Du hattest letztes Mal noch zwei neue Nummernschilder für dein Auto...", erklärte Anja, bevor Melissa sie unterbrach, indem sie anfing zu weinen.

"Mein schönes Auto ist weg!", fluchte sie, während sie heulte wie ein Schloßhund.

Anja gab ihr ein Taschentuch und nahm sie ganz sanft in den Arm, bis sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Die flüchtige Verbrecherin trocknete ihre Tränen mit Anjas Taschentuch und begann anschließend die vielen Dokumente durchzusehen, die ihr ihre Fälscherfreundin mitgebracht hatte. Es war natürlich alles da, was Melissa für ihr neues Leben brauchte: Geburtsurkunde, Zeugnisse, Abschlusszeugnisse und so weiter und so weiter. Als Melissa den Namen auf ihrem Personalausweis las, was sie sehr erstaunt. Da stand Jennifer Moss. Anja war wohl nichts anderes mehr eingefallen, also hatte sie einfach die Namen ihrer beiden Lieblingsschauspielerinnen genommen und miteinander kombiniert: Jennifer Aniston und Carrie-Anne Moss. "Hoffentlich kriegt das keiner mit.", dachte Melissa, während sie ihrer Freundin ein Lächeln schenkte.

"Wenigstens hat sie mich nicht Carrie-Anne Aniston genannt.", dachte Melissa/Jennifer, während sie sich wieder den Papieren zuwandte.

Anja war überglücklich, denn Melissa war glücklich. Und trotzdem war sie besorgt. Sie war besorgt, weil ihr gestern von ihrem großen Bruder mitgeteilt worden war, dass er heute Nacht wieder einen großen Coup durchziehen würde. In Fällen wie diesen gab es bestimmte Regeln, die sie als kleine Schwester zu beachten hatte:

 

1: Da sie selbst eine Verbrecherin ist, muss sie immer auf der Hut sein. Denn sollte die Polizei ihrem Bruder jemals auf die Schliche kommen, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie das Familienhaus der Familie Weißer auf den Kopf stellten. Und dann würden sie zwangsläufig auch ihr auf die Schliche kommen, denn es war unmöglich all die vielen Spuren verschwinden zu lassen, bevor die Polizei anfangen würde das Haus zu durchsuchen. Also würde Anja das Haus entweder abfackeln müssen, oder einfach mit Hilfe ihres Fälschertalents untertauchen. Da in dem Haus etwa ein Dutzend feuerfeste Safes mit belastenden Materialien gefüllt waren, blieb ihr nur die letzte Möglichkeit.

2: Regel Nummer 2 ist sozusagen eine Fortsetzung von Regel Nummer 1. Da Anja nur die letztere Möglichkeit bleibt, muss sie immer eine neue Identität (so ähnlich wie die, die sie ihrer Freundin gerade gebracht hat) an einem sicheren Ort zurücklegen, bevor ihr Bruder losziehen und seinen Coup durchziehen kann. Anja hatte ihre zweite Identität und etwas Bargeld hier in der Laube versteckt, sowie sie es immer tat. Genaugenommen befanden sich die Papiere seit Prozessbeginn an dem Ort, an dem sie sich jetzt befanden. Eigentlich wollte Anja sie heute abholen, doch dann hatte sie von Heinrichs waghalsigem Plan erfahren.

3: Sobald der Coup (in diesem Fall der Diebstahl der Phantomaxt) erfolgreich durchgezogen worden war, würde Heinrich seine kleine Schwester telefonisch benachrichtigen und Endwarnung geben.

4: Sollte er nicht zur vereinbarten Zeit anrufen, würde Anja sofort untertauchen müssen, weil ihr Bruder dann entweder tot oder im Gefängnis war. In diesem Fall würde Anja zusammen mit Melissa Klein alias Jennifer Moss untertauchen müssen, die ja dann auch nicht mehr in der Laube bleiben konnte.

 

Das waren die Regeln, die in Fällen wie diesem hier für Anja galten. Und da diese Sache ja auch irgendwie Melissa/Jennifer betraf, teilte Anja ihr alles mit. Sie teilte ihrer flüchtigen Verbrecherfreundin auch mit, wann Heinrich hier in der Laube anrufen würde: Pünktlich um 01:00 Uhr. Vielleicht würde er auch ein bis zwei Minuten früher oder später anrufen, aber wenn er um 01:05 Uhr noch nicht angerufen hatte, musste Anja davon ausgehen das ihr Bruder verhaftet worden war. Der Coup selbst würde um 00:30 Uhr stattfinden. Obwohl alles genau geplant worden war und Anja so oder so nichts passieren würde, machte sie sich trotzdem Sorgen. Und natürlich teilte Jennifer Moss ihre Besorgnis um ihren Bruder; schließlich hatte er sie vor einem Leben hinter Gittern bewahrt.

 

 

Um 00:27 Uhr saßen Anja und Jennifer am Frühstückstisch in der Laube und hofften innig darauf, dass Heinrich und sein Komplize Oliver nicht geschnappt worden. Und während die beiden Mädchen darauf hofften, dass die beiden Gauner nicht erwischt worden, standen eben diese Schurken vor dem Hintereingang des Museums und bereiteten sich darauf vor die verschlossene Tür zu knacken. Oliver Karpfen war dafür zuständig die Werkzeuge des Phantoms zu tragen und ihm gegebenfalls zu reichen. Er war sein Assistent. Pünktlich um 00:30 Uhr hatte das Phantom besagte Tür problemlos geknackt und die beiden Verbrecher waren im Nu im inneren des Museums. Sie hatten ihre Skimasken und ihre Handschuhe schon längst übergezogen und nun schalteten sie noch ihre Taschenlampen ein, damit sie in dem stockdunklen Museum etwas sehen konnten. Es war zwar eine helle Nacht, aber da die riesigen bis zum Boden reichenden Vorhänge die Fenster verdeckten, war es in dem Museum stockdunkel. "Das wird ein Kinderspiel. Dieses Museum ist so schlecht bewacht, dass jedes Kind hier hereinspazieren und etwas stehlen könnte. Es gibt zwar einen Wachmann, aber der bewacht bloß den Haupteingang und dreht nur einmal pro Nacht seine Runde: Um 02:00 Uhr. Das ist perfekt.", dachte das Phantom, während es zusammen mit seinem Komplizen durch die Marmorhallen des Museums schlich.

Nach ein paar Minuten standen die beiden vor der Vitrine, in der sich die Axt seiner Träume befand. Sie legten die Taschenlampen so auf den Boden, dass sie in ihrem Schein problemlos arbeiten konnten. Oliver reichte seinem Herrn und Meister die einzelnen Werkzeuge, die nötig waren um die Vitrine lautlos aufzumachen. Nach einigen komplizierten Vorgängen, die selbst ich nicht verstehen würde, hatte Heinrich Weißer alias Phantom 1.000 die Vitrine geöffnet und holte die Axt seiner Träume heraus. Nachdem er dieses Meisterwerk der ostfränkischen Schmiede ein paar endlos andauernde Sekunden lang begutachtet hatte, reichte er es seinem Assistenten und holte etwa 20 Visitenkarten aus seiner Hosentasche. Auf jeder der Visitenkarten stand der übliche Spruch: Das Phantom mit den 1.000 Gesichtern (Phantom Eintausend) hat wieder zugeschlagen. Heinrich Weißer warf die Visitenkarten in die geöffnete Vitrine und wartete, bis sich sein Kollege an der mit Diamanten besetzten Axt sattgesehen hatte. Anschließend ließ er sie sich zurückgeben und die beiden hoben ihre Taschenlampen auf und machten Anstalten zu verschwinden. Doch plötzlich gingen im ganzen Museum die Lichter an und hinter den Vorhängen tauchten die Kommissare Christian Schubert, Vincent Schuber, Bonnie Biedrig und Bernie Bund zusammen mit mehreren rangniedrigeren Polizeibeamten auf. Alle hatten sie ihre Dienstwaffen auf das Phantom und seinen Komplizen gerichtet. Dies war das Ende einer wirklich beeindruckenden Ära. Denn das legendäre Phantom mit den 1.000 Gesichtern würde für all seine kleinen und großen Verbrechen mindestens fünf bis zehn Jahre hinter Gittern verbringen. Und sein Komplize Oliver Karpfen würde mit Sicherheit auch sein Fett weg kriegen.

 

 

Eine halbe Stunde später wimmelte es überall vor und in dem Museum nur so von Polizisten, Reportern und Schaulustigen. Ein paar Reportern gelang es Schubert und Schuber vor die Kamera zu bekommen. Meistens lautete die Frage: "Wie haben sie es geschafft, das legendäre Phantom mit den 1.000 Gesichtern zu schnappen?"

Die Antwort hing ganz von dem Mikrofon ab, dass sich während dieser Frage in der Nähe von Schubert‘s Mund befand. Seinen heiß geliebten Lieblingssendern erklärte er: "Das war ganz einfach. Wir haben uns in das Phantom hineinversetzt und sind zu dem Schluß gekommen, dass es für das Phantom 1.000 sehr viel Sinn machen würde bei seinem Tausendsten Coup die Axt von August von Magdeburg zu stehlen, die man in Fachkreisen die Phantomaxt nennt. Natürlich waren wir uns nicht 100prozentig sicher, dass er die Axt heute Nacht stehlen würde, aber wir haben sie trotzdem persönlich bewacht. Und wenn er heute Nacht nicht zugeschlagen hätte, hätten wir sie morgen Nacht ganz einfach wieder bewacht. Und irgendwann hätte er sie sich bestimmt geholt. Sie ist schließlich die einzige Waffe, die in Fachkreisen seinen Namen trägt. Ich an seiner Stelle hätte auch versucht sie zu stehlen."

Zu den Sendern, die er aus unerfindlichen Gründen nicht mochte, sagte er einfach nur: "Kein Kommentar."

Sein Freund und Kollege hielt sich in diesem Fall auch ganz an seine Vorgaben, mit welchen Sendern er reden durfte und mit welchen nicht. Und während Bonnie Biedrig und Bernie Bund das Phantom und seinen Komplizen auf Revier brachten, dachte Vincent über die nun möglicherweise bevorstehende Beförderung nach. Wenn die beiden befördert worden, würden sie Polizisten bleiben und wenn nicht, würden sie Privatermittler werden. So oder so waren sie Helden, da sie das legendäre Phantom 1.000 geschnappt hatten. Und als Held hat man ja bekanntlich einen guten Ruf, mit dem man werben kann. Und so ein Ruf kann in vielerlei Hinsicht sehr nützlich sein, wenn ihr versteht was ich meine.

 

 

Während Bonnie Biedrig und Bernie Bund das Phantom und seinen Komplizen aufs Revier fuhren, war Anja Weißer inzwischen klar geworden, dass ihr Bruder geschnappt worden war. Natürlich war sie sehr traurig darüber das ihr Bruder erwischt worden war, aber sie und ihre flüchtige Freundin hatten jetzt keine Zeit zum trauern. Jennifer und Anja packten schnell alles zusammen, was sie brauchten um unterzutauchen. Nachdem sie gepackt hatten, verließen sie ihre Laube und spazierten durch die dunklen Straßen von Berlin, bis sie schließlich vor einem billigen Hotel haltmachten, um dort ein Zimmer zu mieten. 10,50 Euro pro Tag, für ein ziemlich heruntergekommenes Zimmer. Sie bezahlten dem Besitzer 31,50 Euro, da sie nicht nur vorhatten den Sonntag, sondern auch Montag und Dienstag dort zu wohnen. Nachdem sie es sich in ihrem Bett so bequem wie möglich gemacht hatten, wünschten sie einander eine gute Nacht und schliefen trotz des Lärms aus dem Nachbarhaus sehr bald ein. Sie wußten, dass Anjas Haus ungefähr zur selben Zeit wahrscheinlich von hunderten Polizisten durchsucht wurde. Und das stimmte im großen und ganzen auch, denn die Polizei hatte nicht besonders lange gebraucht, um herauszufinden das Heinrich Weißer Heinrich Weißer war. Es war ziemlich leicht gewesen die Adresse von ihm und seiner Familie ausfindig zu machen. Und es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis die Berliner Behörden die Laube der Familie Weißer auch noch fanden.

 

 

Am Sonntagmorgen saß Kommissar Schubert in einer der vielen wunderschönen Kirchen in Berlin und sprach leise seine Gebete. Die Messe hatte noch nicht angefangen und die große Halle war noch nicht gefüllt. Es war 10:45 Uhr und die Messe würde um 11:00 Uhr anfangen. Der Kommissar wäre gern geblieben, um an der Messe teilzunehmen (sowie er es schon eine Weile nicht mehr getan hatte); aber er musste pünktlich um 11:00 Uhr im Polizeirevier sein. Seine Vorgesetzten erwarteten ihn und seinen Partner in dem der Kirche nahegelegenen Polizeirevier. Kommissar Schuber war wahrscheinlich schon dort. "Der hat es gut. In seiner Gemeinde beginnen die Messen schon um 08:00 Uhr. So kann er an ihnen teilnehmen und hinterher zum Polizeirevier fahren.", dachte Kommissar Christian Schubert, nachdem er fertig gebetet hatte.

Beim hinausgehen bemerkte er zufällig eine junge Frau, die er sehr gut kannte: Sandra Weck. Sie saß neben ihrer Mutter und (vermutlich) ihrem Vater und betete. Schubert hatte nicht vor sie zu stören, denn das gehörte sich schließlich nicht. Kurz nachdem er das schöne Gotteshaus verlassen hatte, schaute er auf seine Uhr. Er hatte noch 12 Minuten Zeit, um seinen Termin wahrzunehmen. Das reichte völlig aus, weshalb er sich nicht beeilen musste. Und als er das Revier erreichte, hatte er noch sieben Minuten. Nachdem er vor dem Büro seines Vorgesetzten stand, erblickte er seinen Freund und Partner. Sie klopften gemeinsam an das Büro ihres Chefs und dieser rief: "Kommen sie rein!"

Die beiden Kommissare betraten das Büro ihres Vorgesetzten und kamen zehn Minuten später als Oberkommissare wieder heraus.