Kapitel 6: Die Flucht von Melissa Klein Teil 3

 

 

Während die vielen Polizisten angespannt auf den gepanzerten Geldtransporter warteten, verließ die flüchtige Susanne Beck alias Melissa Klein mit den 14 anderen freigelassenen Geiseln endlich das Hauptpolizeirevier von Wolfsburg, kurz nachdem die anderen zehn freigelassenen Geiseln dort hingebracht worden waren. Die Formalitäten, die auf dem Revier erledigt wurden, hatten aus Susannes Sicht gesehen viel zu lange gedauert. Aber sie war überglücklich, das ihr niemand auf die Schliche gekommen war. Und da niemand ihren Führerschein mit dem Foto der schwarzhaarigen Susanne Beck allzu gründlich kontrolliert hatte war sie in Sicherheit, da man nach einer schwarzhaarigen Frau namens Melissa Klein suchte. Sie verabschiedete sich höflich von ihren 14 Leidensgenossen und ging anschließend gelassen zurück zum Kaufhaus. Ihr wertvoller Wagen mit ihrem ganzen Bargeld und ihren anderen gefälschten Papieren, die sich zum Glück alle im verschlossenen Kofferraum befanden, stand noch immer gegenüber dem belagerten Gebäude. Er stand zwischen mehreren Streifenwagen (zumindest hatte sie das festgestellt, als sie im Vorbeigehen einen kurzen Blick auf ihn hatte werfen können). Und sie musste ihn um fast jeden Preis wiederhaben, weshalb sie auch zum Kaufhaus zurückging. Auf dem Weg dorthin fiel ihr ein, dass das ganze viel zu gefährlich wäre, da sie schließlich nicht riskieren konnte sich durch irgendeinen dummen Zufall von der dort postierten Polizei erwischen zu lassen. Außerdem hatte sie während der kurzen Überprüfung ihrer falschen Papiere (die gleich stattfand, nachdem sie mit den 14 anderen freigelassenen Geiseln endlich freigelassen worden war) zufällig Kommissar Schubert aus der Zeitung wiedererkannt. Sie hatte ihn gesehen, aber er hatte nur Susanne Beck und nicht Melissa Klein gesehen. Eigentlich war sie sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt S. B. gesehen hatte. Denn immerhin wurde sie zusammen mit den anderen hauptsächlich von irgendwelchen Hilfspolizisten befragt und kontrolliert. Seit diesem einen entscheidenden Moment wußte sie aber 100prozentig, dass dieser Polizist und sein Partner ihr dicht auf den Fersen waren. Also beschloß sie sicherheitshalber in irgendein billiges Hotel zu gehen und dort solange zu warten, bis diese Geiselnahme irgendwann vorüber sein würde. Da sie sich zum Glück noch nichts im von Verbrechern besetzten Kaufhaus gekauft hatte, befanden sich noch immer ganze 100 Euro in der linken Tasche ihres roten Kostüms. Das würde auf jeden Fall für ein kleines Zimmer in einem Hotel reichen. Und morgen früh könnte sie ihren Wagen abholen und einfach so wegfahren, ohne dass irgendein Polizist Fragen stellen würde. Die hellbraune Perücke hatte sie natürlich noch immer auf, da ihr dies für die nächste Zeit einfach sicherer erschien, als mit ihren schwarz gefärbten Haaren herumzulaufen. Schließlich hatte sie der seltsame Kaufhausdetektiv auch ohne Probleme erkannt, als ihre Haare schwarz gefärbt waren. Als sie endlich ein dem besetzten Kaufhaus nahegelegenes Hotel gefunden und sich ein kleines Zimmer zum Spottpreis von gerade mal 80 Euro im voraus gemietet hatte, schaltete sie den im Preis inbegriffenen Fernseher ein und sah NTV. Mithilfe dieses speziellen Nachrichtensenders, der immerhin 24 Stunden am Tag kaum etwas anderes als Nachrichten sendete, wollte Susanne Beck pausenlos über die noch immer laufende Geiselnahme und die Fortschritte der Polizei in dieser verzwickten Situation informiert sein. Schließlich wollte sie unbedingt ihr heißgeliebtes Auto und ihre kostbaren Sachen aus dem Kofferraum desselben, einschließlich ihrem kostbaren Bargeld, so schnell wir möglich wiederhaben. Und da ist es natürlich ziemlich wichtig über alle vorhandenen Details dieser spektakulären Geiselnahme genau Bescheid zu wissen. Wie heißt es so schön? Wissen ist Macht. Und bekanntlich kommt es schließlich und endlich immer auf irgendeine seltsame und meist unerklärliche Weise auf die Macht an. Manche Menschen sind aus irgendeinem mir leider nicht bekannten Grund sogar der seltsamerweise weitverbreiteten Meinung, dass es hauptsächlich die Machtgeilen sind, die unsere wunderbare Welt beherrschen. Darüber könnte man meiner Meinung ewig diskutieren, wenn einem zufällig danach war (aber darum geht es in dieser Geschichte bekanntlich nicht).

 

 

Ungefähr zur selben Zeit beriet sich Ron Baumeier mit einem seiner maskierten Komplizen darüber, was sie nach dem Austausch des Geldes gegen die zehn Geiseln nun eigentlich tun sollten. Sie konnten sich schließlich nicht bis in alle Ewigkeit in diesem Kaufhaus verschanzen. „Wieso hast du uns nur eine halbe Millionen fordern lassen? Das ist doch viel zu wenig. Und wie sieht eigentlich dein genialer Plan aus, uns hier rauszubringen? Wir haben ein Recht darauf es zu erfahren! Also wie sieht dein genialer Plan aus?“, fragte der bewaffnete Geiselnehmer seinen verschlagenen Chef aufgeregt.

Der jedoch erwiderte darauf nur gelassen:„Weil wir nur soviel brauchen. Hätten wir mehr gefordert, hätten wir selbstverständlich auch mehr Geiseln freilassen müssen. Und was meinen Plan betrifft..., da musst du dir keine Sorgen machen. Ich habe bereits einen genialen Plan in meinem Kopf ausgearbeitet. Es ist ein Plan, der uns alle hier rausbringt. Aber bevor ich ihn in die Tat umsetzen kann, muss ich mir noch über das eine oder andere Detail 100 prozentig klar werden. Wenn ich mir nicht in allen Punkten vollkommen sicher bin, dann könnte der Plan fehlerhaft sein. Und Fehler können wir uns zur Zeit nicht erlauben. Im Moment sind wir im Vorteil, denn wir haben die Geiseln. Und somit haben wir die Macht. Doch die haben wir natürlich nur, solange wir noch genügend Geiseln für mögliche Tauschgeschäfte mit der Polente haben. Aber wir sind trotz dieser ungeheuren Macht noch lange keine Übermenschen, weshalb wir das hier nicht ewig durchhalten werden. Irgendwann müssen wir hier weg und dann werden die Bullen selbstverständlich ihre Tricks versuchen. Bisher haben sie keine Tricks versucht, aber das kommt noch, denn sie wissen natürlich auch, dass wir es hier drin nicht ewig durchhalten. Bis jetzt haben sie sich ohne Protest an alle unsere Anweisungen gehalten, aber wir dürfen selbstverständlich nicht vergessen, dass es ihr Job ist uns zu erwischen. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt damit Leute wie uns in den Knast zu bringen. Dort draußen lauern hunderte von bewaffneten Beamten und sobald wir versuchen aus diesem Kaufhaus raus zu kommen, sind wir erledigt, wenn wir uns nicht ziemlich schlau anstellen. Und wir werden uns wirklich schlau anstellen, denn ich habe selbstverständlich einen teuflischen Fluchtplan. Und keine Sorge; dieser teuflische Plan funktioniert garantiert.“

Der Gangsterboß lächelte seinen Handlanger an und spazierte anschließend an den auf dem Boden sitzenden Geiseln vorbei durchs Kaufhaus. Er fühlte sich als wäre dies sein privates Kaufhaus und zur Zeit traf das auch irgendwie zu, denn immerhin hatten seine Leute es auf ziemlich brutale Weise in ihre Gewalt gebracht. Er stolzierte wie ein König an seinen Gefangenen vorbei und würdigte sie nichtmal eines einzigen Blickes, sodass er auch nicht mitkriegte wie sie ihn beobachteten. Plötzlich zückte einer von ihnen blitzschnell ein Taschenmesser und ging ohne zu zögern auf den Anführer der Geiselnehmer los. Er schrie wütend:„Verreck du blödes Arschloch!“

Das tat er natürlich bevor einer von Ron’s bewaffneten Handlangern ihn ohne zu zögern mit Maschinengewehrkugeln durchsiebte. Der mit einem kleinen Taschenmesser bewaffnete Attentäter war schon tot, noch bevor er zu Boden ging, um auf dem Parkettboden zu verbluten. „Was sollte denn das werden, du Penner?! Was fällt dir eigentlich ein?! Hast du sie noch alle?! Was fällt dir eigentlich ein?! Hast du sie noch alle?!“, schrie Ron Baumeier den toten und in einer sich blitzschnell ausbreitenden Blutlache vor ihm liegenden Attentäter wütend an (er regte sich wegen des Mordversuches so auf, dass er für kurze Zeit die Fassung verlor und deshalb sogar damit begann sich ein paar Mal zu wiederholen).

„Ganz ruhig Boß. Alles in Ordnung mit dir?“, fragte der maskierte Handlanger mit dem rauchenden Maschinengewehr seinen Herrn und Meister.

Dieser beugte sich langsam zu dem Attentäter, der gerade versucht hatte ihn zu töten, runter und durchsuchte mit Höchstgeschwindigkeit seine vielen Taschen. Nachdem er seine mit frischen Blutspritzern verzierten Papiere gefunden hatte, brüllte er lauthals:„Wer nicht so enden will wie Steven Munck, der sollte gar nicht erst versuchen mich umzubringen. Ihr könnt es sowieso nicht mit mir und meinen bewaffneten Leuten aufnehmen. Also laßt es einfach sein, wenn euch euer Leben lieb ist. Dieser Westentaschenattentäter ist tot und ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr nicht auch so enden wollt wie er. Also laßt es einfach sein, denn ihr habt eh keine Chance gegen uns! Wir haben die Waffen und den Mut sie ohne zu zögern zu benutzen! Also haben wir auch automatisch die absolute Macht! Und ihr selten dämlichen Rindviecher seit die von uns gefangengehaltenen Geiseln, weshalb ihr folglich zu tun habt, was wir euch sagen! Und wenn ihr es nicht tut, dann werden wir euch genauso töten, wie diesen verrückten Mistkerl hier! Darauf habt ihr mein Wort. Und dieses Wort werde ich selbstverständlich auch halten! Ich hoffe das geht in eure Köpfe, denn die Kugeln unserer Waffen tun es bestimmt!“

Ron Baumeier war wirklich wütend. „Du musst wirklich nicht so schreien Boß. Nimm doch einfach ein Mikrofon aus der Mikrofonabteilung. So schonst du wenigstens deine Stimme und deinen viel zu hohen Blutdruck. Wir brauchen dich schließlich gesund und munter, damit du einen Fluchtplan entwerfen kannst, der uns hier lebend rausbringt. Du bist der einzige, der das irgendwie hinkriegen könnte. Wir sind auf dich angewiesen. Lass uns nicht im Stich.“, flüsterte der bewaffnete und maskierte Killer leise, der seinem Herrn und Meister gerade mit Hilfe seines noch immer qualmenden Maschinengewehrs das Leben gerettet hatte.

Mehrere Geiseln rutschten langsam und unauffällig ein paar Meter von dem toten Messerstecher weg, weil sie verständlicherweise keine allzu große Lust hatten in der sich immer schneller ausbreitenden Blutlache zu sitzen. Außerdem hätten die Geiselnehmer ja zufällig davon ausgehen können, dass die nächstgesessenen Geiseln möglicherweise Komplizen des Attentäters waren. Das traf zwar nicht zu, aber die eingeschüchterten Geiseln wollten lieber kein Risiko eingehen, denn ihr Leben lag ihnen aus verständlichen Gründen sehr am Herzen. Der Bandenboß Ron Baumeier jedenfalls schwor hoch und heilig, dass er seine Leute niemals hängen lassen würde. Als Chef dieser Verbrecherbande war er auch automatisch dazu verpflichtet seine Leute nicht im Stich zu lassen. Das war so eine Art Ehrenkodex unter Verbrechern, sowie: Schlafe niemals mit der Freundin deines besten Freundes (dieser Kodex gilt selbstverständlich auch unter nicht kriminellen Menschen und man sollte ihn niemals brechen, weil das bekanntlich nur Probleme mit sich bringt).

 

 

Die Polizei hatte die ganze Szene nichtmal gesehen, da immer noch die Fensterläden runter gelassen waren. Sie hatten nur die vielen Schüsse gehört und natürlich wußten sie sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Hauptkommissar Waldau nahm sofort sein Mikrofon und brüllte:„Was ist da drin passiert?! Sagt uns sofort, was da drinnen los ist!“

Nach kurzer Zeit erhielt er die Antwort. Sie kam wie immer durch das einzige Fenster, dass nicht von den Fensterläden verdeckt und schon vor Stunden von einem der Geiselnehmer eingeschlagen worden war. Die ziemlich unverschämte Antwort von den Geiselnehmern auf die hastig gestellte Forderung der Polizei lautete wir folgt:„Das geht euch Bullen überhaupt nichts an; habt ihr verstanden?! Kümmert euch einfach nur darum, dass unsere halbe Millionen pünktlich um 17:02 Uhr hier bei uns ist. Dann bekommt ihr auch die versprochenen zehn Geiseln, die wir euch vorhin zugesagt haben. Und versucht bloß nicht uns vor, während, oder nach dem Austausch irgendwie zu verarschen, kapiert?! Wir fallen sowieso nicht drauf rein! Dazu sind wir viel zu gerissen! Also keine dummen Tricks, die bei uns cleveren Vögeln sowieso nicht funktionieren würden. Dann bekommt ihr die zehn Geiseln auch lebend und erspart euch die Schmach sie irgendwann in Leichensäcke tun zu müssen!“

Der Geiselnehmer versuchte anscheinend die Beamten mit versteckten Beleidigungen zu provozieren. Hauptkommissar Waldau und seine beiden Berliner Kollegen wußten jetzt ganz genau, dass sie sich ernsthafte Sorgen um die Sicherheit der vielen Geiseln im inneren des Kaufhauses machen mussten. Aber sie konnten wie sooft nichts anderes tun, als zu warten. Nur diesmal warteten sie auf einen schwer bewachten und gepanzerten Geldtransporter, dessen wirklich kostbarer Inhalt eigentlich einem steinreichen Millionär gehörte, der aber ausnahmsweise so großzügig war es der Wolfsburger Polizei zur Verfügung zu stellen. Wie heißt es so schön? Ausnahmen bestätigen die Regel. Und bei einem so steinreichen Geizhals wie Christopher Moll war dies wirklich eine verdammt selten vorkommende Ausnahme, die allerdings wie gesagt nichts anderes tat, als die Regel zu bestätigen. Dieser nächste Austausch würde ein wahrhaft historischer Augenblick werden, denn der steinreiche Millionär würde bestimmt in seinem ganzen Leben nie wieder so großzügig sein und eine solche Summe irgendwelchen wildfremden Polizisten zur Verfügung stellen. Einmal und nie wieder sozusagen.

 

 

Pünktlich um 17:00 Uhr tauchte der gepanzerte Geldtransporter an der nördlichen Absperrung auf und der steinreiche Christopher Moll nahm in Gegenwart von Hauptkommissar Greg Waldau und seinen beiden Berliner Kollegen, sowie seines uniformierten Chauffeurs die halbe Millionen entgegen, die sich in einem schwarzen Koffer befand. Nachdem der steinreiche Millionär den unverschlossenen Koffer geöffnet und die halbe Millionen begutachtet hatte, musste er ihn einem unbewaffneten Beamten übergeben, damit dieser es den Geiselnehmern geben konnte und die zehn Geiseln freikommen konnten. Dann nahm Hauptkommissar Waldau sein Mikrofon und teilte den Geiselnehmern mit, dass das Geld nun da war. Die Türen des zuvor verschlossenen Haupteingangs öffneten sich langsam aber sicher und nach wenigen Sekunden tauchten die vereinbarten zehn Geiseln auf. Doch sie wurden selbstverständlich von einem bewaffneten Geiselnehmer bewacht, der sie die ganze Zeit mit seinem geladenen und entsicherten Maschinengewehr in Schach hielt. Die Geschichte nahm ihren Lauf. Der unbewaffnete Beamte ging mit dem mit 500 Euro Scheinen gefüllten Geldkoffer (10.000 Euro/20 Scheine pro Bündel/50 Bündel) in der Hand zum Haupteingang und kam mit den zehn freigelassenen Geiseln wieder zurück. Glück gehabt. Alles war ohne Komplikationen abgelaufen und niemand war verletzt oder getötet worden (na ja außer denen die bereits vorher tot waren). Die zehn Freigelassenen erstatteten natürlich sofort Bericht über die Ermordung von Steven Munck. Minuten später wurden die Personalien der freigelassenen Geiseln überprüft. Und als Schubert und Schuber feststellten das keiner von ihnen die gesuchte Person war, wurden sie zum selben Polizeirevier gefahren zu dem man viele Stunden zuvor auch M. K. alias S. B. gebracht hatte. Und das ohne dass die beiden Berliner Kommissare es mitgekriegt hatten. Hauptkommissar Waldau versuchte währenddessen immer noch den Kaufhausbesitzer Christopher Moll dazu zu bringen endlich nach Hause zu fahren. Doch nach der Sache mit der halben Millionen musste er den Mann tun lassen, was immer er wollte. „Ich will auf jeden Fall live miterleben, wie es weitergeht. Haben sie schon mal daran gedacht einfach das Gebäude zu stürmen? Denken sie nicht, dass eine solche Radikallösung vielleicht auch funktionieren könnte? Es wäre doch möglich dass es funktioniert, oder? Wieso versuchen sie es nicht einfach?“, fragte der steinreiche Millionär den Leiter der zur Zeit laufenden Operation.

„Damit würden wir vielleicht eine Kurzschlußreaktion der Geiselnehmer riskieren. Das könnte jede Menge Menschen das Leben kosten.“, antwortete der Wolfsburger Hauptkommissar.

„Und was tun sie dann? Erfüllen sie brav weiter die Forderungen dieser Terroristen?“

„Ja, genau das werden wir tun. Aber machen sie sich bitte keine Sorgen. Sie bekommen ihr Geld auf jeden Fall wieder, denn die Geiselnehmer können nicht raus und wir können nicht rein. Aber sie müssen irgendwann aus ihrem Kaufhaus rauskommen. Und dann sind diese Mistkerle am verwundbarsten.“, erklärte Waldau dem ehrwürdigen Kaufhausbesitzer.

„Macht ihr das immer so?“, fragte der Millionär.

„Nein. Meistens wenden wir andere Strategien an, aber in diesem Fall habe ich das Kommando und ich bin nicht bereit ein Risiko einzugehen.“, war die Antwort des Beamten.

Während die beiden über den laufenden Fall diskutierten, dachte Schubert darüber nach, wie er die Geiselnehmer schnappen könnte. Eigentlich war das die Aufgabe des Hauptkommissars, aber der Berliner Kommissar konnte auch an zwei Fällen gleichzeitig arbeiten, wenn er wollte. „Was tun sie denn da?“, fragte das Fragezeichen seinen dienstälteren Kollegen, der gerade ziemlich angestrengt nachdachte.

„Ich versuche zu denken wie ein böses Genie. Wie unser teuflischer Gegenspieler Ron Baumeier. Er hat bestimmt bereits einen gut durchdachten Plan ausgearbeitet, der ihn selbst und seine sieben Komplizen heil aus dieser Situation raus bringen kann. Einen Plan mit dem wir nie und nimmer rechnen würden. Er weiß ganz genau, dass er und seine Leute am verwundbarsten sind, wenn sie dieses Kaufhaus verlassen. Und irgendwann müssen sie es ja verlassen, denn schließlich können sie sich dort nicht für immer verschanzen. Also muss der Bandenboß sich einen wirklich guten Fluchtplan ausdenken und wir müssen diesen genialen Plan rechtzeitig durchschauen, weil er sonst mit seiner gemeingefährlichen Bande entwischt. Und das darf auf keinen Fall passieren, weil er und seine schwer bewaffneten Handlanger dann unser geliebtes Land mit einer gigantischen Welle der Gewalt überfluten werden. Sie werden durchs Land ziehen, Geschäfte, Juweliere, Supermärkte, Kaufhäuser und so weiter ausrauben, viele Menschen verletzen und vielleicht sogar töten. Und natürlich werden sie dabei tonnenweise Bargeld erbeuten. Unsere Aufgabe ist es, sie aufzuhalten. Und ganz nebenbei müssen wir noch die flüchtige Melissa Klein schnappen. Sie ist noch im Gebäude, denn sonst hätte sie unter den freigelassenen Geiseln sein müssen und wir hätten sie längst geschnappt. Außerdem wurden wir bisher nur über den Tod von zwei Männern informiert, was bedeutet dass sie dort drinnen noch am Leben ist und wir sie früher oder später festnehmen können. Aber wir müssen aufpassen, denn die Geiselnehmer werden auf jeden Fall irgendeinen miesen Trick versuchen. Vielleicht hatten die Verbrecher dort drinnen vorher keinen Plan. Aber jetzt wo ihr Herr und Meister wieder bei ihnen ist, haben sie bestimmt einen. Und wir müssen ihn vereiteln. Das ist mehr oder weniger unser Job. Und wir werden ihn so machen, wie er gemacht werden muss. Und deshalb wird es uns auch gelingen die Pläne des Feindes zu vereiteln. Sie haben ihre miesen Tricks und wir haben unsere miesen Tricks.“, erklärte Kommissar Schubert seinem Kollegen.

„Ich verstehe den Wink mit dem Zaunpfahl. Sie wollen über den laufenden Fall nachdenken, nicht war? Haben sie etwas dagegen wenn ich ihnen ein wenig beim nachdenken helfe?“

Schubert hatte nichts dagegen. Zwei geniale Denker waren bekanntlich schon immer besser als einer. Doch den beiden Kommissaren fiel einfach nicht ein, wie Baumeier versuchen könnte aus dem Kaufhaus zu flüchten. Das heißt Kommissar Christian Schubert hatte da schon ein paar halbwegs gute Ideen, die er seinem Partner selbstverständlich auch mitteilte. Aber er hielt diese Ideen aus irgendeinem Grund für „zu einfach“. Sie waren seiner Meinung nach so einfach, dass jeder Vollidiot früher oder später darauf kommen könnte, wenn er nur lang genug nachdenken würde. Und das würde natürlich auch dieses teuflische Genie namens Ron Baumeier wissen. Und wieso sollte dieser extrem gerissene und verschlagende Geiselnehmer einen drittklassigen Plan ausführen, den die Polizei sofort und ohne Probleme mir nichts dir nichts durchschauen würde. Das Risiko von den Behörden während dieser Aktion erwischt zu werden, konnte der gerissene Bandenchef sich verständlicherweise nicht erlauben, da er sonst mit Sicherheit erwischt und mit seinen Handlangern für immer ins Gefängnis eingesperrt werden würde. Also musste der Plan ein ziemlich komplizierter Geniestreich sein. Etwas was die Polizei nicht sofort durchschauen konnte. Um herauszufinden was der teuflische Ron Baumeier in seiner jetzigen Situation tun konnte, mussten die Berliner Kommissare seine verbleibenden Möglichkeiten nach und nach durchgehen. Was für Mittel zum tricksen hatte der durchtriebene Anführer der Geiselnehmer zu seiner Verfügung? Das war die alles entscheidende Frage, die sich die beiden Kommissare zu allererst einmal vollständig beantworten mussten. Sie mussten nur rausfinden, was das teuflische und verschlagene Genie „möglicherweise“ tun konnte. Und um seine potentiellen Möglichkeiten zu kennen, begannen die beiden Sonderbeauftragten aus der Landeshauptstadt damit eine schriftliche Liste anzufertigen. Wenn sie dann irgendwann damit fertig waren, würden sie besagte Liste Hauptkommissar Waldau geben, der zur Zeit immer noch mit dem steinreichen Christopher Moll und seinem uniformierten Chauffeur beschäftigt war. Und bei diesem „beschäftigt sein“ ging es ziemlich heiß her. Der Hauptkommissar versuchte nämlich die beiden irgendwie davon abzuhalten die zur Zeit laufende Polizeiarbeit pausenlos zu stören. Der Millionär hatte trotz seiner vielen Kohle nicht das Recht hart arbeitende Beamten permanent dazu abzukommandieren, ihm schwarzen Kaffee mit fünf Löffeln Zucker zu holen. Und es war Hauptkommissar Greg Waldau’s heilige und ehrenvolle Pflicht ihm genau das klar zu machen, damit seine hart arbeitenden Leute nicht bei ihren jeweiligen Arbeiten gestört wurden, die sie eigentlich die ganze Zeit über zu erledigen hatten. Und es war ziemlich schwierig die vielen Absperrungen stundenlang zu bewachen und die enorme Menge von Schaulustigen dauerhaft von ihr fernzuhalten. Noch mehr Schwierigkeiten hatten die vielen schwer beschäftigten Polizeibeamten allerdings mit den nervtötenden Reportern und ihren lästigen Kameramännern. Aber die tapferen Angestellten der Wolfsburger Polizei kriegten das immer irgendwie in den Griff; jedenfalls solange ihnen nicht irgendein verschrobener Millionär mit seinen naiven Kaffeewünschen auf die Nerven ging und sie dadurch von der Erfüllung ihrer Pflichten abhielt. Aber es gelang dem cleveren Hauptkommissar Gott sei Dank den steinreichen Millionär davon abzuhalten seine Beamten von ihren eigentlichen Pflichten abzubringen. So gab es auf Dauer keine nennenswerten Probleme (zumindest nicht mit irgendwelchen nervtötenden Schaulustigen, oder irgendwelchen lästigen Reportern und deren Kameramännern). Doch das größte Problem stellten natürlich immer noch die kriminellen Geiselnehmer da. Und dieses besagte Problem galt es natürlich so schnell wie möglich zu lösen, was selbstverständlich die Hauptaufgabe der Polizei war.    

 

 

Die gemeingefährlichen Geiselnehmer hatten seit fast einer halben Stunde nichts mehr von ihren Gegenspielern gefordert, als Kommissar Schubert und seinem Kollegen langsam aber sicher klar wurde das sie ihre Liste mit Möglichkeiten nicht bis zum Ende der Geiselnahme fertigstellen konnten. Sie hatten rausgefunden das Baumeier und seine hinterhältigen Geiselnehmer etwas mehr als 300 Möglichkeiten hatten, aus dem Kaufhaus zu flüchten. Also blieb ihnen und all den anderen Polizisten keine andere Wahl, als den Fluchtversuch rechtzeitig zu bemerken wenn er irgendwann stattfand. Und dann mussten sie eben entsprechend improvisieren, weshalb die beiden Kommissare aus der Landeshauptstadt in Zukunft alle Schritte der Geiselnehmer genau beobachten mussten. Sie stellten auch fest, dass Hauptkommissar Waldau ihnen diese einzige Möglichkeit schon vor mehreren Stunden unterbreitet hatte. Aber der hatte ja auch mehr Ahnung von Geiselnahmen, als seine beiden Berliner Kollegen. Ihm dieses Ergebnis ihrer geistigen Arbeit mitzuteilen war also vollkommen unnötig. Sie würden ihm schon beizeiten sagen was zu tun war, wenn sie einen Fluchtversuch der Geiselnehmer bemerkten. Außerdem war der werte Hauptkommissar noch immer mit dem steinreichen Kaufhausbesitzer und seinem uniformierten Chauffeur beschäftigt und gab nur zwischendurch den ein oder anderen Befehl an seine hart arbeitenden Leute, auf die er sich völlig verlassen konnte. Sie waren ihm treu ergeben. Der Wolfsburger Hauptkommissar hatte also ziemlich viel zu tun. Doch er würde alles tun um seinen Job so zu machen, wie er ihn machen musste. Er wurde ja schließlich nicht ohne triftigen Grund von etlichen Kollegen als bester Unterhändler dieser wunderschönen Stadt bezeichnet.

 

 

„35 von den vielen zur Zeit gefangengehaltenen Geiseln wurden bisher von diesen Verbrechern freigelassen. Und zwei wurden von ihren gestörten Geiselnehmern einfach so umgebracht. Das sind zwei tote Geiseln zuviel, finde ich. Ich wünschte, wir hätten das irgendwie verhindern können. Doch wir konnten es nicht verhindern und nun erfüllen wir diesen hinterhältigen und gemeingefährlichen Mördern jeden ihrer beknackten Wünsche. Ich weiß ja daß wir das tun müssen, damit die Geiseln am Leben bleiben. Aber das ist doch trotzdem irgendwie bescheuert.“, regte sich Vincent „das Fragezeichen“ Schuber plötzlich auf, womit er die wie immer recht komplizierten Gedankengänge seines Partners unbeabsichtigt unterbrach.

„Ja, ich finde das auch nicht sonderlich berauschend. Aber wenn wir es nicht getan hätten, wären jetzt noch viel mehr Geiseln tot. Und das hätten wir auf keinen Fall zulassen dürfen, denn es ist unsere Pflicht das Leben unschuldiger Menschen zu schützen.“, meinte Kommissar Schubert, worauf sein Partner nur bestätigend nickte.

„Da haben sie auch wieder recht. Aber es nervt mich trotzdem, denn immerhin befinden sich da drin jede Menge verrückte Schwerverbrecher. Wir sollten schon irgendwas unternehmen.“

„Ja, kann schon sein. Aber Hauptkommissar Waldau sagte vor einiger Zeit zu uns, dass unsere Stunde kommen würde und ich denke dass er damit recht hat. Unsere Stunde wird kommen. Und dann werden wir zuschlagen und diese gemeingefährlichen Kriminellen in den Knast bringen. Das kriegen wir beizeiten schon irgendwie hin, denn schließlich ist das unser Job. Eigentlich ist das ja der Job der Wolfsburger Polizei, aber was soll‘s. Die können jede nur erdenkliche Hilfe gebrauchen. Und wir werden ihnen nach besten Kräften unter die Arme greifen.“, ermunterte Kommissar Schubert seinen Kollegen.

„Wie spät ist es jetzt eigentlich?“, fragte Vincent „das Fragezeichen“ Schuber seinen Partner, worauf Schubert schnell auf seine Armbanduhr sah und ihm sagte, dass es bereits 17:50 war.

Die nervenaufreibende Geiselnahme dauerte jetzt bereits mehr als vier Stunden und strapazierte die Nerven von allen Beteiligten aufs schlimmste. Und jeder hoffte von Minute zu Minute mehr auf ihr baldiges Ende. Beinah jeder von den vielen zuständigen Beamten hoffte, dass diese furchtbare Strapaze so schnell wie möglich vorbei sein würde und das sie endlich die gefährlichen Verbrecher verhaften und anschließend nach Hause zu ihren Familien gehen könnten. Zu diesem Zeitpunkt wußten sie allerdings noch nicht, dass die Geiselnahme tatsächlich sehr bald vorbei sein würde. Der hinterhältige Ron Baumeier hatte schließlich einen wirklich gut durchdachten Fluchtplan vorbereitet. Und er würde selbstverständlich alles tun, um ihn durchzuführen. Doch ob der Bandenboß es schaffen würde seinen vermeintlich genialen Plan in die Tat umzusetzen war eine völlig andere Frage, die aber früher oder später mit 100prozentiger Sicherheit beantwortet werden würde.

 

 

Während die Geiselnahme in vollem Gange war, saß die flüchtige Melissa Klein alias Susanne Beck vor ihrem kleinen Fernseher in ihrem kleinen Hotelzimmer und sah in aller Ruhe dabei zu was draußen so alles passierte. Sie hoffte darauf, dass die ganze Sache sehr bald vorbei sein würde. Sobald es soweit war, würde sie sich so schnell wie möglich ihren Wagen schnappen und aus der Stadt der Wölfe verschwinden. Dann würde sie nach Hamburg fahren und dort mit Hilfe eines Schiffes ohne allzu große Umschweife das Land verlassen. Sie hatte keine andere Wahl, obwohl sie eigentlich vorgehabt hatte ihre geliebte Heimat etwas näher kennenzulernen. Doch als sie festgestellt hatte, dass dieser Kommissar Schubert ihr so extrem dicht auf den Fersen war, war ihr endgültig klar geworden das sie in der Bundesrepublik Deutschland niemals völlig sicher sein konnte. Immerhin war es sogar dem Kaufhausdetektiv gelungen sie ohne Probleme zu identifizieren, was ihr klarmachte das man sie hier viel zu leicht finden konnte. Also würde sie dieses Land von der Hansestadt Hamburg aus verlassen und vielleicht niemals wieder zurückkehren, da sie es selbstverständlich nicht riskieren konnte/wollte erwischt zu werden. Derartig spontane Entscheidungen führten übrigens oft dazu, das die Polizei die wenigen vorhandenen Spuren verlor, die sie zu den flüchtigen Personen führen konnten. Und je öfter Susanne derartig spontane Entscheidungen traf, desto geringer wurde die Chance, dass es einem Polizeipsychologen oder einem gerissenen Beamten gelang sich in sie hineinzuversetzen und jeden ihrer Schritte im voraus zu berechnen. Und sie hatte während ihrer bisher ziemlich kurzen Reise schon mehrere spontane Entscheidungen getroffen, da ihr selbstverständlich klar war das sie dadurch ihre Spuren mehr oder weniger vollständig verwischte. Zwar waren die Beamten vor ein paar Stunden ziemlich nah an sie herangekommen, aber sie war ihnen trotzdem entwischt. Doch Susanne Beck wußte noch nicht wo sie eigentlich per Schiff hinfahren wollte. Aber diese Entscheidung würde sie schon noch rechtzeitig treffen. Doch zuerst wollte sie ihren heißgeliebten roten Wagen wiederhaben, da sie verständlicherweise in diesem Land kein einziges Mal mehr beim klauen erwischt werden wollte. Und sie würde auf jeden Fall ziemlich viel klauen müssen, wenn sie ihr Auto nicht wiederbekäme. Denn in dem Land in das sie reisen und in dem sie dann vielleicht sogar eine Weile leben wollte (welches es auch immer sein mochte), müsste sie selbstverständlich Einwanderungspapiere haben, die eindeutig bewiesen das sie gebürtige Staatsbürgerin in besagtem Land war. Auch wenn sie es in Wahrheit natürlich nicht war. Natürlich wäre es für sie kein allzu großes Problem einen geeigneten Fälscher für diese Papiere aufzutreiben (schließlich wußte sie ganz genau, wie sie solche zwielichtigen Leute finden konnte), doch das ganze könnte sie möglicherweise eine enorme Stange Geld kosten. Sie hätte sich vielleicht derartige Papiere von ihrer Freundin Anja fälschen lassen sollen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Susanne natürlich noch nicht gewußt, dass sie ihre Heimat möglicherweise verlassen müsste. Das mit Anja wäre für sie mit Sicherheit wesentlich billiger gewesen, doch es war nun einmal wie sooft alles anders gekommen als sie es erwartet hatte. Also musste sie sich, wenn es dann irgendwann soweit war, auf die neue Situation einstellen. Das bedeutete natürlich das sie sich ihre falschen Einwanderungspapiere bei einem Fälscher im Ausland besorgen musste, da sie ja nicht mehr einfach so mir nichts dir nichts zu Anja Weißer nach Berlin zurückkehren konnte, ohne dabei ein ziemlich hohes Risiko einzugehen. Es würde sie allerdings eine ordentliche Stange Geld kosten die notwendigen Papiere von einem Fremden fälschen zu lassen. Denn bei so einem unbekannten bekam sie nichtmal einen kleinen Freundschaftsrabatt, da sie den fremden Fälscher ja noch nicht persönlich kennen würde, wenn sie ihn dann irgendwann notgedrungen aufsuchte. 

 

 

Es war nun bereits 18:00 Uhr. Die beiden Berliner Kommissare Schubert und Schuber standen immer noch zwischen den beiden Polizeiwagen und sprachen über die Geiselnahme, während Hauptkommissar Waldau sich noch immer mit Christopher Moll und dem Chauffeur beschäftigte. Eigentlich wollte Waldau ja einen Grundriß vom besetzten Kaufhaus besorgen, aber das war ihm wohl im Laufe der Ermittlungen und der vielen nervigen Diskussionen mit dem Kaufhausbesitzer entfallen. Jedenfalls vermutete Kommissar Christian Schubert:„Ich vermute mal, dass die Geiselnehmer sich die bereits halb angebrochene Dunkelheit irgendwie zu nutze machen werden. Es ist zwar seit einer halben Ewigkeit den ganzen Tag über bewölkt, aber dieses Wetter kann sich meineswissens kein Geiselnehmer zu nutze machen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Aber die dunkle Nacht... Ich hab zwar keine Ahnung wie, aber die Verbrecher könnten die anbrechende Dunkelheit wahrscheinlich auf tausend verschiedene Arten ausnutzen. Vincent, sein sie doch bitte so gut und gehen sie zu Hauptkommissar Waldau. Fragen sie ihn, ob er daran gedacht hat kleine Scheinwerfer auf den umliegenden Häusern zu plazieren, damit wir in der Nacht alles im Blick haben und wenigstens auf ein paar mögliche Szenerien vorbereitet sind. Wenn er mit nein antwortet, dann bitten sie ihn darum welche aufzustellen. Er kann seine Leute natürlich auch Nachtsichtgeräte benutzen lassen, aber ich tendiere zu Scheinwerfern. Die machen mehr Eindruck. Außerdem machen wir die Nacht auf diese Weise gewissermaßen zum Tag und verstärken sogar noch die vermutlich drittklassige Straßenbeleuchtung.“

Vincent wollte gerade los rennen, als Schubert ihn aufhielt, um ihm zu sagen:„Es sollten aber kleine tragbare Scheinwerfer sein, die zur Not auch nur von einer einzelnen Person getragen werden können. Diese kleinen Geräte auf die Dächer der umliegenden Häuser zu transportieren dürfte einfacher sein, als wenn so große Dinger verwendet werden würden, wie in den Fußballstadien während der Spiele in der Dunkelheit. Das wäre nämlich wirklich übertrieben.“

Kommissar Schubert rückte seine zur Uniform passende Mütze zurecht. „Denken sie das es Hauptkommissar Waldau freuen wird, wenn wir ihm mal eben so mir nichts dir nichts seine Fehler aufzählen? Er könnte das doch irgendwie falsch auffassen, oder?“, fragte Kommissar Vincent „das Fragezeichen“ Schuber seinen cleveren Partner in mehr oder weniger zweifelndem Tonfall.

„Das ist ihm wahrscheinlich völlig egal. Hier sind doch nur deshalb so viele Polizisten, damit einer immer dazu in der Lage ist die Fehler eines anderen zu korrigieren. So bilden all diese Beamten hier eine perfekte Einheit und können genau auf diese Weise dafür sorgen, dass die Chancen der Geiselnehmer zu entkommen erheblich sinken. Hier muss sich jeder auf den anderen verlassen können und damit ist auch jeder dazu verpflichtet die Fehler des anderen zu korrigieren. So sinken die Chancen der Geiselnehmer zu entkommen und die Chance sie zu schnappen steigt. Oh und übrigens vermute ich, dass die Geiselnehmer vor ihrem vermutlich bald stattfindenen Fluchtversuch noch einmal ein kleines Tauschgeschäft mit uns abwickeln werden. Wenn es soweit ist, dann müssen wir selbstverständlich wie immer genau darauf achten, ob Melissa Klein unter den freigelassenen Geiseln ist. Sollte sie sich unter ihnen befinden, nehmen wir sie natürlich sofort fest. Gegen die Geiselnehmer können wir erst richtig agieren, wenn sie ihren Fluchtversuch unternehmen. Dann sorgen wir dafür, dass es bei einem Fluchtversuch bleibt. Sie werden es auf jeden Fall heute nach Anbruch der Dunkelheit versuchen, denn ich bezweifele das sie die ganzen Strapazen noch einen weiteren Tag lang durchhalten. Also werden wir unseren Wolfsburger Kollegen so gut es geht dabei helfen dieses Problem zu lösen. Und jetzt gehen sie schon zum Hauptkommissar und sagen sie ihm, was sie ihm zu sagen haben.“, befahl Kommissar Schubert seinem Partner, der daraufhin sofort zu Greg Waldau lief und ihm Bescheid gab.

Dieser veranlaßte selbstverständlich sofort das nötige, wozu er natürlich den Kaufhausbesitzer und seinen Chauffeur/Leibwächter mit Kommissar Schuber allein lassen musste. Nun gingen diese beiden Nervensägen ihm auf besagte Nerven, da der Wolfsburger Hauptkommissar die beiden sozusagen an ihn weitergereicht hatte. Wenige Minuten später traf ein mit tragbaren Scheinwerfern gefüllter Wagen ein, der an allen wichtigen Standorten seinen Inhalt verteilte. Die vielen kleinen und handlichen Scheinwerfer wurden auf den Dächern der vier umliegenden Häuser an die gut ausgebildeten Scharfschützen vom SEK verteilt, aber natürlich noch nicht eingeschaltet. Die zuständigen Beamten würden noch auf den richtigen Moment warten müssen. Doch sie müssten nicht mehr allzu lange warten, denn besagter Moment würde bald kommen. Und Kommissar Christian Schubert war sich dessen natürlich unterbewußt bewußt, weshalb er alle paar Minuten ungeduldig auf seine Armbanduhr schaute. Es war nun genau 18:20 Uhr. Und es war die Aufgabe der im Kaufhaus verschanzten Verbrecher den nächsten Zug in diesem Schachspiel um Leben und Tod zu unternehmen.

 

 

Und die acht Geiselnehmer hatten auch vor den nächsten Schachzug zu unternehmen. Ron Baumeier hatte seinen Plan inzwischen vollständig durchdacht und seinen treuen Mitstreitern mitgeteilt. Der raffinierte Plan sah folgendermaßen aus: Zuerst würden die Geiselnehmer alle Geiseln (einschließlich dem alten Wachmann aus dem Überwachungsraum) ins Erdgeschoß treiben. Dann würden sie die halbe Millionen Bündelweise untereinander aufteilen (sie hatten ja genau deshalb nur eine halbe Millionen erpreßt, weil man sie so leicht aufteilen und beschaffen konnte) und sich nacheinander umziehen und nur die Skimasken und Maschinengewehre behalten (sich zur Tarnung neue Klamotten aus dem besetzten Kaufhaus zu besorgen war deshalb notwendig, da die Polizei selbstverständlich wußte was für Klamotten die Geiselnehmer anhatten). Als nächstes würden die Verbrecher alle Geiseln zum Ausgang treiben und besagten Ausgang öffnen (was man natürlich auch vom pausenlos alles überwachenden Überwachungsraum aus tun konnte. Aber es sollte sich als notwendig erweisen, dass alle Geiselnehmer die ganzen Geiseln am Ausgang in Schach hielten). Sobald der Ausgang offen sein würde, würden ein paar von den verängstigten Geiseln mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen werden mehrere Kisten mit Rauchbomben aus der Kriegsspielzeugabteilung auf die Straße zu schütten, sodass der gesamte Eingangsbereich und die davor liegende Straße im dichtem Nebel gefangen waren. Dadurch könnte kein Polizist und keiner von den auf den Dächern postierten und mit einem Scharfschützengewehr bewaffneten Scharfschützen sehen was zu sehen war. Anschließend würden die Geiselnehmer mit ihren Waffen das Feuer eröffnen und die Geiseln nach draußen treiben. Sie würden selbstverständlich panisch nach draußen stürmen und die mageren Absperrungen der Polizei auf ihrer Flucht durchbrechen. Die hinterlistigen und brutalen Gangster würden im Nebel noch ein bißchen weiter schießen und dann ihre Waffen und Skimasken wegwerfen, um mit den zuvor untereinander aufgeteilten Geldbündeln im Getümmel der mehr als 100 panisch wegrennenden Geiseln zu verschwinden. Später würden sich die acht teuflischen Verbrecher an einem zuvor vereinbarten Treffpunkt treffen und ihren Verbrechensfeldzug durch die Bundesrepublik Deutschland fortsetzen. Sie würden sich möglicherweise mit anderen Verbrecherbanden verbünden und dann gemeinsam ganz Mitteleuropa in Angst und Schrecken versetzen. Das war zwar aus der neutralen Sicht eines unparteiischen Beobachters gesehen höchst unwahrscheinlich, aber die Möglichkeit bestand dennoch. Es ist zwar unwahrscheinlich, aber man muss sich eben des öfteren mit Wahrscheinlichkeitsberechnung beschäftigen, um etwas davon zu verstehen.

 

 

Die halsbrecherische Aktion startete pünktlich um 18:40. Alles verlief genau nach Plan. Der durch die Rauchbomben erzeugte Nebel half der dunklen Nacht dafür zu sorgen, dass die Polizei völlig den Überblick verlor. Selbst ihre schon lange eingeschalteten tragbaren Scheinwerfer nützten bei dem dichten Rauch nichts mehr (in diesem Moment fragten sich die meisten anwesenden Leute verständlicherweise wieso jemand nur so dumm sein konnte, in einem Kaufhaus Rauchbomben zu verkaufen). Und als die Schüsse fielen, brach wie geplant eine Massenpanik aus und die vielen Geiseln überrannten panisch die Polizeisperren. Die Geiselnehmer und ihr Anführer konnten also wie geplant unerkannt fliehen. Es war ein unüberschaubares Chaos. Nur Kommissar Schubert lehnte sich gelassen gegen einen Streifenwagen, während sein Partner ihn anschrie:„Worauf warten sie noch?! Wir müssen doch irgend etwas tun, damit diese gemeingefährlichen Gangster nicht davonkommen!“

„Wir können im Moment gar nichts tun.“, meinte Schubert gelassen.

„Aber so entkommen uns die Geiselnehmer doch! Das dürfen wir doch nicht zulassen! Unser Job ist es doch, solche hinterhältigen Mistkerle zu schnappen! Und wenn wir diesen uns anvertrauten Job nicht so erledigen, wie wir es tun sollten...“

„Das macht überhaupt nichts. Ich bin mir ziemlich sicher, sie haben vorher die halbe Millionen untereinander aufgeteilt. Und da sich dank meiner Idee in jedem einzelnen Geldscheinbündel ein kleiner und kaum sichtbarer Minisender befindet, finden unsere Wolfsburger Kollegen die flüchtigen Verbrecher mit Sicherheit ziemlich schnell wieder.“, unterbrach Kommissar Schubert den kurzzeitigen Nervenzusammenbruch seines hochgeschätzten Partners, woraufhin dieser ihn selbstverständlich fragte, wieso er ihm nichts davon erzählt hatte.

„Es sollte eine Überraschung sein. Ich habe ihnen deshalb nichts gesagt, weil ich mich sonst nicht über ihren überraschten Gesichtsausdruck hätte freuen können.“, war die Antwort des dienstälteren Kommissars.

Sein Kollege begann wieder etwas panisch zu werden. „Na die Überraschung ist ihnen wirklich gelungen. Der Hauptkommissar wird also seinen Fall mit Leichtigkeit abschließen können und der Millionär bekommt seine Kohle wieder. Alles nur dank ihrer großzügigen Hilfe. Aber was ist mit uns? Ich bin mir absolut sicher, dass Melissa Klein unter diesen vielen Menschen ist, die unsere schönen Absperrungen gerade durchbrochen haben. Sie ist bestimmt längst über alle Berge und wir stehen dumm da. So dumm stand bestimmt noch keiner von unseren Kollegen da. Unsere Karieren bei der Polizei können wir bestimmt vergessen. Wer befördert schon zwei Leute, die so dumm da stehen wie wir es gerade tun?“

Vincent Schuber stand kurz davor wieder so richtig in Panik zu geraten. „Machen sie sich keine Sorgen. Wir stehen doch nicht dumm da. Und unsere Karieren stehen auch nicht auf dem Spiel. Sie haben sich lediglich von der jetzigen Situation mitreißen lassen und dadurch vergessen, dass wir für die Suche nach der flüchtigen Melissa Klein unbegrenzt Zeit haben. Das heißt im Klartext, dass wir ersteinmal hier in Wolfsburg bleiben und auf neue Hinweise zu ihrem Aufenthaltsort warten müssen. Vermutlich wird sie die Stadt der Wölfe so schnell wie möglich verlassen, was meiner Meinung nach keine halbe Stunde dauert. Und wir können nicht wegen einer einzigen flüchtigen Verbrecherin eine ganze Stadt abriegeln und an jeder Ausfahrt Kontrollen durchführen. Außerdem würde es viel zu lange dauern alles absperren zu lassen. Und bis unsere Kollegen dann endlich damit fertig sind..., nun ja bis dahin ist sie sowieso längst über alle Berge und lacht sich über unsere Fehler ins Fäustchen. Es wäre also sinnlos jetzt etwas gegen Melissa zu unternehmen. Wir haben noch viel Zeit.“, meinte Kommissar Christian Schubert gelassen wie immer.

„Aber nun wird sie uns entwischen, obwohl wir so nah dran waren. Und das ist nicht gut.“

„Ja, aber wir bekommen schon noch unsere Chance sie hinter Schloß und Riegel zu bringen. Das wichtigste ist natürlich das wir sie auch nutzen, wenn sie sich uns anbietet.“

„Und wann wird sich diese Chance anbieten? Das kann doch ewig dauern, oder?“, fragte das Fragezeichen seinen Partner beunruhigt.

„Keine Ahnung. Aber allzu lange wird es bestimmt nicht dauern, denn immerhin wurde auf Melissa Klein eine recht hohe Belohnung ausgesetzt. Und wie sie sicherlich wissen, benötigen die Menschen eine erhebliche Menge Bargeld, um in der heutigen Zeit halbwegs über die Runden zu kommen. Also werden sie bestimmt die Polizei rufen, wenn sie Melissa sehen. Die Wahrscheinlichkeit das wir von unseren Kollegen nochmal angerufen werden, weil sie jemand angerufen hat der Melissa gesehen hat, ist zwar gering. Aber möglich ist bekanntlich alles. Und genau für diesen Fall habe ich das spezielle Handy dabei. Sie wissen schon, dieses Gerät das einzig und allein dem Zweck dient Hinweise zur Aufklärung unseres Falles zu empfangen. Und natürlich habe ich auch meinen tragbaren Polizeicomputer mitgebracht. Den brauchen wir, falls wir mal irgend etwas schnell überprüfen müssen, um in unserem Fall weiterzukommen. Also machen sie sich keine Sorgen. Wir werden sie schon irgendwann kriegen. Dieser Fall ist etwas ganz besonderes. Wir müssen der Mörderin die Tat nicht mehr nachweisen, da das bereits geschehen ist. Wir müssen sie nur noch ins Gefängnis bringen, um sie ihrer mehr oder weniger gerechten Strafe zuzuführen. Das macht diese Angelegenheit ziemlich spannend, denn immerhin mussten/müssen wir quer durchs Land reisen um sie dingfest zu machen. Vielleicht flüchtet sie auch irgendwann ins Ausland und dann brauchen wir die Genehmigung unserer Vorgesetzten, um sie weltweit zu suchen. Natürlich in Zusammenarbeit mit den jeweils zuständigen Behörden. Unsere Bosse werden das schon regeln. Und dann kann die Jagd weitergehen... Aber ich glaube, dass sie noch eine kleine Weile in der BRD bleiben wird. Für gewöhnlich verläßt ein Mensch wie sie seine Heimat nicht so schnell. Wir werden sie schon noch rechtzeitig erwischen. Und bestimmt schnappen wir sie, bevor sie unser Land verläßt. Aber wer weiß..., vielleicht hat sie ja auch gar nicht vor unser Land zu verlassen. Möglich ist bekanntlich alles.“, meinte Kommissar Schubert ruhig und gelassen, während er noch immer mit seinem Partner zwischen den geparkten Streifenwagen herumstand.

Er verlor wirklich nie die Fassung, auch wenn er manchmal leicht gereizt werden konnte. Das ließ er sich natürlich nie anmerken, wenn es tatsächlich passierte. „Wahrscheinlich haben sie recht Herr Kollege.“, meinte Vincent „das Fragezeichen“ Schuber, nachdem er sich endlich wieder etwas beruhigt und tief durchgeatmet hatte. 

„Wenn ich mich irren würde, würde ich bestimmt nicht hier stehen. Aber da ich wie sie sehen hier stehe, habe ich mich offenbar nicht geirrt.“, entgegnete Kommissar Schubert gelassen.

„Wie meinen sie das?“

„Das muss ich ihnen doch jetzt nicht wirklich erklären, oder?“

„Nein. Ich versteh schon was sie meinen.“, meinte Kommissar Schuber, während er versuchte so gelassen zu sein, wie es sein Kollege bereits seit Beginn dieses spektakulären Falles war.

Und während die beiden Kommissare aus der Landeshauptstadt sich an die Streifenwagen lehnten und miteinander plauderten, begann der künstlich erzeugte Nebel nach und nach auf mysteriöse Weise zu verschwinden. Ein paar Minuten später hatte sich der vermeintlich undurchdringliche Nebel vollkommen aufgelöst und die panische Massenflucht war Gott sei Dank vorüber. Wenigstens war während diesem heillosen Chaos niemand zertrampelt worden, was durchaus hätte passieren können. Es entstand nur ein enorm hoher Sachschaden, was allerdings nicht so schlimm war, da ja alles bei irgendwelchen Versicherungen versichert war.